Lebensumstände

Viele Situationen des alltäglichen Lebens sind nicht zu ändern und beeinflussen auch nicht Ihre Chancen für den Eintritt einer Schwangerschaft. Beruflicher Stress ist nicht zu vermeiden, und wir versuchen, Ihnen die Abläufe in unserer Praxis möglichst stressfrei zu gestalten.

Wir werden alle medizinischen Möglichkeiten ausschöpfen, um mit Ihnen eine erfolgreiche Behandlung durchzuführen. Dennoch stehen Sie als Paar im Mittelpunkt und beeinflussen auch durch Ihre Lebensweise den Erfolg, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen.

Übergewicht

Bei Übergewicht kommt es durch ein Übermaß an Körperfett zu Einschränkung der Fruchtbarkeit, aber auch zu langfristigen Folgen mit einem erhöhten Krankheits-und sogar Sterblichkeitsrisiko. Ein genaueres aber dennoch einfaches Maß als eine reine Gewichtsbestimmung stellt der leicht zu errechnende „Body-Mass-Index“ dar. Dieser Messwert berücksichtigt die Körpergröße und gibt den individuellen Fettgehalt genauer wieder: das Körpergewicht in kg wird zweimal nacheinander durch die Körpergröße in m dividiert.

Einteilung von Übergewicht und Fettleibigkeit (Adipositas) gemäß der Weltgesundheitsorganisation (WHO) anhand des Body-Mass-Index:

Bezeichnung BMI (kg/m2)
Untergewicht < 18
Normalgewicht 18,5-24,9
Übergewicht 25-29,9
Adipositas Grad I 30-34,9
Adipositas Grad II 35-39,5
Adipositas Grad III (Adipositas per magna) > 40

Trotz der Alltagsbeobachtung, dass sogar viele Mehrgebärende übergewichtig sind und auch erneut wieder schwanger werden können, lässt sich sehr gut belegen, dass Übergewicht das Eintreten einer Schwangerschaft erschwert.

Der Ernährungsstatus unseres Körpers beeinflusst unsere Fruchtbarkeit, denn das Fettgewebe ist nach neuesten Erkenntnissen ein hormonell sehr aktives Organ. Im Fettgewebe wird unter anderem vermehrt das männliche Geschlechtshormon Testosteron hergestellt. Insbesondere scheinen Patientinnen mit „männlicher“ Verteilung des Fettgewebes an Bauch und Taille, mehr Testosteron zu bilden und auszuschütten als Patientinnen mit „weiblicher“ Verteilung des Fettgewebes an Oberschenkeln und Gesäß.

Des Weiteren kann Übergewicht zu einer Insulinresistenz der Zellen führen, so dass der Körper vermehrt Insulin produziert, um dessen Wirkung zu gewährleisten. Ein erhöhter Insulinspiegel verstärkt die Wirkung des schon vermehrt produzierten männlichen Hormons Testosteron. Insulin senkt die Konzentration vom Sexualhormon-bindendem Globulin (SHBG), so dass vor allem das Testosteron weniger an SHBG gebunden werden kann und daher vermehrt aktiv ist.

Übergewicht ist also eine Ursache der Hyperandrogenämie (erhöhte Werte für das männliche Sexualhormon Testosteron), die an den Eierstöcken eine Störung der Eizellreifung bis hin zum Ausbleiben des Eisprungs bewirkt. Es sind vermehrt kleine Eibläschen im Eierstock sichtbar, ohne dass es zur regelmäßigen Eizellreifung und zum Eisprung kommt. Dann sprechen wir auch vom PCO-Syndrom.

Insulin reguliert den Blutzuckerspiegel, in dem es die Aufnahme von Blutzucker vor allem in Leber- und Muskelzellen fördert. Dadurch kommt es unter anderem zur Speicherung von Zucker in Form von Fett im Fettgewebe. Bei einem chronisch erhöhten Insulinspiegel (Hyperinsulinämie) ist diese Wirkung verstärkt und führt zu einer weiteren Gewichtszunahme. Damit wird eine Gewichtsreduktion erheblich erschwert! Bei weiterer Gewichtszunahme besteht zudem die Gefahr, dass sich eine gestörte Zuckerverwertung (gestörte Glucosetoleranz) bis hin zur Zuckerkrankheit (Diabetes mellitus) entwickelt.

Um Beeinträchtigungen im Zuckerstoffwechsel und eine Insulinresistenz zu diagnostizieren, empfehlen wir gegebenfallseinen Zuckerbelastungstest (OGTT: oraler Glucose Toleranztest). Dafür überweisen wir Sie zu unserem Kooperationspartner Dr. med. Winfried Keuthage.

Liegt tatsächlich eine Beeinträchtigung des Zuckerstoffwechsels vor, kann das Medikament Metformin eingesetzt werden. Dieses Medikament verbessert den Zuckerstoffwechsel, in dem es die Neubildung von Zucker in den Leberzellen hemmt. So kommt es zu einer Besserung der Insulinresistenz, und damit zu besseren Bedingungen für die Eizellreifung.

Die Auswirkungen des Übergewichts auf die Fruchtbarkeit beinhalten also das Risiko, dass nur vereinzelt eine oder keine Eizellreifung stattfindet und die Monatsblutungen daher selten oder gar nicht mehr auftreten. Trotz erfolgtem Eisprung ist die Fruchtbarkeit eingeschränkt und es ergibt sich eine erhöhte Dauer bis zum Schwangerschaftseintritt verglichen mit normgewichtigen Frauen.

Oft kommt es zur Notwendigkeit, Medikamente wie Clomifencitrat oder FSH zur Eizellreifung einzusetzen. Der Bedarf an Medikamenten ist hierbei oft erhöht und macht die Behandlung teurer und ineffektiver. Man verzeichnet niedrigere Schwangerschaftsraten im Vergleich mit normgewichtigen Patientinnen und sieht bei den IVF- und ICSI-Therapien zudem schlechtere Eizellqualitäten mit schlechteren Befruchtungsraten und schlechterer Qualität der Embryonen.

Aber auch eine Schwangerschaft ist mit erheblichen Risiken versehen: die Gefahr von Fehlgeburten erhöht sich bei Übergewicht, genauso wie die Raten an Fehlbildungen beim Kind bis hin zum Risiko, einen Fruchttod in späteren Schwangerschaftswochen zu erleben. Gehäuft treten mütterliche Komplikationen wie Bluthochdruck, Schwangerschaftsdiabetes und Schwangerschaftsvergiftung auf.

Der erste und wichtigste aber gleichzeitig auch schwerste Schritt ist eine Lebensstiländerung mit dem Ziel einer Verminderung des Übergewichtes. Das bedeutet eine Steigerung der körperlichen Aktivität und eine begleitende Ernährungsumstellung. Das Ziel ist eine Gewichtsreduktion, die in manchen Fällen schon zu einer Normalisierung der Androgenspiegel und einer Wiederherstellung der Eizellreifung mit regelmäßigen Blutungen führt. Eine ausgeprägte Gewichtsabnahme scheint dabei nicht unbedingt erforderlich zu sein: schon eine Gewichtsreduktion um 5-10% des Ausgangsgewichts kann erfolgreich sein. Welche Art der Diät am erfolgversprechendsten ist kann nicht genau gesagt werden. Es gibt aber das insbesondere kalorienreduzierte Diäten mit einem geringen Kohlenhydratanteil für übergewichtige Patientinnen mit Kinderwunsch besonders geeignet sind.

Übergewicht kann aber auch bei den Männern zu einer herabgesetzten Fruchtbarkeit führen. Das Fettgewebe beim Mann ist ähnlich hormonaktiv wie bei der Frau, und es kommt zu einem Überschuss vom weiblichen Hormon Östrogen. Die Hormonverschiebungen können zu Beeinträchtigungen der Erektion führen und es kommt seltener zum sexuellen Verkehr. Bei extrem übergewichtigen Männern wird auch die Spermienqualität hinsichtlich Anzahl und Beweglichkeit herabgesetzt.

Für eine gezielte Gewichtsabnahme überweisen wir Sie an Herrn Dr. med. Winfried Keuthage, der Ihnen verschiedene Programme zur Änderung Ihres Lebensstils anbieten kann.

Untergewicht

Auch Untergewicht kann zu Eizellreifungsstörungen führen. Bei Patientinnen, die unter Essstörungen wie Anorexia nervosa oder aber auch Bulimie leiden, kann der Regelkreis der Eizellreifung empfindlich gestört werden: das Gehirn schüttet nicht mehr das Hormon aus, welches die Hirnanhangsdrüse anregt, die Hormone FSH und LH zu bilden, die die Eizellreifung fördern. In Folge der gestörten Steuerung der Eierstöcke, reifen keine Eizellen heran, es wird zu wenig weibliches Geschlechtshormon gebildet und die Gebärmutterschleimhaut baut sich nicht auf. Daher bleibt die Regelblutung aus. Organisch liegt keine Beeinträchtigung vor und eine Beendigung der Essstörung mit Normalisierung des Körpergewichts lässt den Regelkreis wieder anspringen. Auch bei Hochleistungssportlerinnen, bei extremem psychischem Stress oder in starken Konfliktsituationen (exzessive Diäten, Krieg) kann dieser Regelkreis unterbrochen werden.

Zur Therapie der Eizellreifungsstörung ist zunächst eine Beseitigung der zugrundeliegenden Ursache durch eine Gewichtsnormalisierung und/oder eine Beendigung der Extremsituationen anzustreben. Bei Versagen der Ursachenbekämpfung kann die Eizellreifung medikamentös mit einer Stimulationsbehandlung durch die Gabe von FSH und LH oder mittels Pumpensystemen unterstützt werden.

Rauchen

Während das erhöhte Risiko von Rauchern für bestimmte Erkrankungen wie Lungenkrebs oder Herz-Kreislauf-Krankheiten durchaus bekannt ist, sind sich viele Paare der Folgen des Tabakkonsums für die Fruchtbarkeit noch zu wenig bewusst.

Bei Frauen ist der schädigende Einfluss des Rauchens auf die Fruchtbarkeit seit langen bekannt und durch viele Studien belegt und betrifft nahezu alle Phasen bis zur Geburt des Kindes. Raucherinnen weisen im Vergleich zu Nichtraucherinnen eine verminderte Eizellreserve auf weshalb die Wechseljahre im Durchschnitt bei rauchenden Frauen zwei bis vier Jahre früher eintreten als bei Frauen, welche nicht rauchen. Dies verkürzt insgesamt die fruchtbare Lebensphase.

Rauchende Frauen sind grundsätzlich weniger empfängnisbereit als Nichtraucherinnen und reduzieren durch das Rauchen die Wahrscheinlichkeit einer Empfängnis um 10-40%. Darüber hinaus sprechen Raucherinnen weniger gut auf Therapien an und produzieren im Vergleich zu Nichtraucherinnen weniger Eizellen. Diese wenigen Eizellen weisen zudem eine geringere Wahrscheinlichkeit für eine Befruchtung und Einnistung auf, was ebenfalls die Schwangerschaftsrate weiter reduziert.

Nach dem Eisprung und Befruchtung weisen Raucherinnen selbst bei einem Konsum von weniger als 10 Zigaretten täglich, eine erhöhte Zahl von Eileiterschwangerschaften auf. Bei zunächst erfolgreicher Einnistung ist die Anzahl an Fehlgeburten, Frühgeburten und die Wahrscheinlichkeit des Absterbens des Kindes im Mutterleib ebenfalls höher als bei Nichtraucherinnen. Zudem trägt jede in der Schwangerschaft gerauchte Zigarette dazu bei, das Gewicht des Kindes zu vermindern, weswegen Neugeborene von Raucherinnen im Durchschnitt 200 Gramm weniger wiegen als die von Nichtraucherinnen.

Bei männlichen Rauchern schädigen Gifte im Tabakrauch das Erbgut der Spermien und verringern die männliche Zeugungsfähigkeit. Insgesamt sind die Effekte des Rauchens bei Männern weniger klar als bei Frauen. Die Schwangerschaftsrate in Verfahren der assistierten Befruchtung bei rauchenden Männernist trotz nahezu identischer Befruchtungsraten ungefähr halb so hoch wie bei Paaren, bei denen der Mann nicht raucht . Raucht auch die Frau, wird der negative Effekt auf die Schwangerschaftsrate zudem noch massiv verstärkt.

Zudem kann das Rauchen über seine gefäßschädigende Wirkung auch zu Erektionsstörungen führen. Somit gibt es ein weiteres Hindernis für eine Befruchtung: die Platzierung der Spermien ist erschwert oder unmöglich. Da die arteriellen Gefäße im Penis zu den kleinsten Arterien im Körper gehören, geht die Erektionsstörung häufig dem Herzinfarkt um 5 bis 10 Jahre voraus und sollte deshalb Anlass zu einer Überprüfung des Herz-Kreislaufsystems geben.

Die Folgen des Rauchens auf die Fruchtbarkeit sind teilweise umkehrbar: Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass bei Frauen, die aufgehört haben zu rauchen, die gleichen Schwangerschaftsraten eintreten wie bei Nichtraucherinnen. Ob die Verschlechterung der männlichen Fruchtbarkeitsstörungen nach dem Aufgeben des Rauchens reversibel ist, ist noch unklar. Positive Auswirkungen auf die Genetik der Spermien sind jedoch frühestens nach drei rauchfreien Monaten zu erwarten. Da die Behandlung der männlichen Fruchtbarkeitsstörungen in weiten Teilen über eine Behandlung der Partnerin geschieht, sollten rauchende Männer jedoch den Erfolg der Behandlung zu mindestens dahingehend unterstützen, dass sie mit ihrer Partnerin mit dem Rauchen aufhören.

Relevante Leitlinien / Literaturverweise

  • Furber et al. Antenatal interventions for reducing weight in obese women for improving pregnancy outcome.Cochrane Database Systematic Reviews: CD009334. doi: 10.1002/14651858.CD009334.pub2. 2013
  • Lim et al. The effect of obesity on polycystic ovary syndrome: a systematic review and meta-analysis. Obesity  Review 14:  95 – 109, 2013
  • The Thessaloniki ESHRE/ASRM-Sponsored PCOS Consensus Workshop Group. Consensus on infertility treatment related to polycystic ovary syndrome, Human Reproduction Vol.23, No.3 pp. 462–477, 2008
  • Informativ ist auch die Patientenbroschüre der pharmazeutischen Firma MSD zum Thema Übergewicht, welche Sie hier downloaden können.
  • Practice Committee of the American Society of Reproductive Medicine. Smoking and Infertility. FertilitySterility 86: S172-7, 2006
  • Informativ ist auch die Patientenbroschüre der pharmazeutischen Firma MSD zum Thema Rauchen, welche Sie hier downloaden können.