Hodenhochstand (Maldeszensus testis)

Die Hoden wandern normalerweise während der letzten zwei Schwangerschaftsmonate aus einer Position nahe des inneren Leistenrings in den Hodensack ein, was zu den Reifekriterien eines Neugeborenen gehört. Bei der Geburt haben 1-3% der reifen Neugeborenen und bis zu 30% der Frühgeborenen einen Hodenhochstand. Der Wanderung der Hoden kann jedoch an verschiedenen Positionen zum Stillstand kommen, wobei bei in ca. 60% der Fälle eine regelrechte Position der Hoden noch innerhalb der ersten Monate eintritt.

Je nach Lokalisation der Hoden/des Hodens bezeichnet man die Lageanomalie als Kryptorchismus (der Hoden liegt oberhalb des Leistenkanals im Bauchraum und ist weder tast- noch sichtbar), Leistenhoden (der Hoden liegt fixiert im Leistenkanal), Gleithoden (der Hoden liegt beweglich am Ausgang des Leistenkanals und kann aber zeitweise in den Hodensack herabgedrückt werden, rutscht jedoch beim Loslassen wieder in die ursprüngliche Lage zurück) und Pendelhoden (der Hoden pendelt zwischen Hodensack und Leistenkanal spontan hin und her, bleibt beim Runterdrücken aber im Hodensack). Ein Pendelhoden ist relativ häufig, ihm kommt aber nur selten eine krankhafte Bedeutung zu. Die abnorme Lage der Hoden ist mit einer Schädigung der Spermienbildung verbunden, wobei viele Männer mit einem Hodenhochstand erst bei einem beidseitigen Hodenhochstand Einschränkungen der Fruchtbarkeit aufweisen. Der Anteil von Männern mit anamnestischen Hinweisen für einen Hodenhochstand, ist gegenüber dem Anteil in der Normalbevölkerung (ca. 0,5%) in Kinderwunschzentren mit ca. 8% deutlich erhöht.

Zusätzlich zur Einschränkung der Fruchtbarkeit besteht bei Patienten mit einem Hodenhochstand ein erhöhtes Risiko für Hodentumore, welches auch nach einer erfolgreichen Therapie des Hodenhochstands ein Leben lang bestehen bleibt. Das Risiko, einen Hodentumor zu entwickeln, ist bei Männern mit Hodenhochstand 4 bis 5x höher wie in der Normalbevölkerung und beträgt ca. 3%.

Diagnostik

Ein noch bestehender Hodenhochstand ist bei Kinderwunschpatienten sehr selten. Die Frage nach einem möglichen Hodenhochstand, dessen Dauer und Behandlung darf aber bei keiner andrologischen Anamneseerhebung fehlen und wird bei uns im Rahmen des Fragebogens zum Erstgespräch standardisiert erfasst. Bei der genitalen Untersuchung sollte die Lage und Größe der Hoden erfasst werden. Auch sollte jeder Patient mit einem Hodenhochstand zumindest einmal im Leben einen Ultraschall der Hoden erhalten, um mögliche Vorstufen eines Hodentumors zu erkennen. Auch liefert die Echodichte der Hoden Hinweise auf das Ausmaß der Schädigung durch den Hodenhochstand. Zur Abschätzung des Ausmaßes der Hodenschädigung sollte auch eine Hormonwertbestimmungdurchgeführt werden, wobei das Ausmaß der FSH-Erhöhung im Allgemeinen gut mit dem Ausmaß der Hodenschädigung übereinstimmt.

Therapie

Die schädlichen Veränderungen der Hoden treten schon sehr früh auf, und nicht - wie früher geglaubt wurde - erst zur Zeit der Pubertät. Um den bereits früh einsetzenden Untergang der Stammzellen der Spermienbildung zu verhindern, sollte ein Hodenhochstand daher bis zum Ende des ersten Lebensjahres korrigiert werden. Je länger der Hodenhochstand besteht, desto ausgeprägter sind im Allgemeinen die späteren Einschränkungen der Spermienbildung.

Insgesamt gibt es eine Vielzahl empfohlener medikamentöser Therapien, womit, wenn sich keine spontane Wanderung der Hoden eingestellt hat, nach dem 6. Lebensmonat begonnen werden sollte. Der Erfolg der hormonellen Therapie ist umso größer, je tiefer der Hoden bei Therapiebeginn lokalisiert war und je jünger der Patient ist. Wenn bei Kindern medikamentös keine Wanderung der Hoden in den Hodensack erreicht werden kann, muss der Hodenhochstand operativ bis zum Ende des ersten Lebensjahres korrigiert werden. Besteht zusätzlich zum Hodenhochstand noch ein Leistenbruch, sollteder Hodenhochstand primär operativ korrigiert werden.

Beim Erwachsenen ist eine medikamentöse Therapie erfolglos, so dass der Hodenhochstand nur mittels einer Operation beseitigt werden kann. Aufgrund des deutlich erhöhten Risikos für die Entwicklung eines Hodentumors sollten regelmäßige Kontrollen mittels Tastuntersuchung und Ultraschall erfolgen und der Patient zur regelmäßigen Selbstuntersuchung angehalten werden. Da die Ursache für die Beeinträchtigung der Spermienbildung ein Fehlen der Stammzellen der Spermienbildung ist, ergeben sich therapeutisch keine Möglichkeiten einer Verbesserung der Spermienbildung beim erwachsenen Patienten. Je nach Ausmaß der Schädigungen bleibt somit nur eine symptomatische Therapie der Einschränkungen der Spermienwerte.

Relevante Leitlinien / Literaturverweise